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INBETWEEN - #TakeCare

Ein transdisziplinäres Forschungsprojekt zu Individuationsprozessen in einer Welt der Digitalität / Gamingprozesse in Hinblick auf das Selbst / Künstliche Intelligenz und Virtuelle Realitäten / Relevanz und Möglichkeiten des analogen Theater in einer digitalisierten Welt.

Im Zentrum meines transdisziplinären Forschungsprojektes INBETWEEN stand die Frage nach DIGITALITÄT und IDENTITÄT. Es wurden verschiedene Disziplinen – wie Cyber/-Psychologie, Philosophie, Soziologie und Wirtschaftsinformatik – unter Berücksichtigung der eigenen Verortung im Bereich der Darstellenden Künste einbezogen. Mein Vorhaben war weniger in Phasen unterteilt, als von parallelen Prozessen bestimmt. So habe ich digital Gespräche geführt, Praxiserfahrungen gesammelt, Literatur gelesen und Filme geguckt sowie kontinuierlich reflektiert.

Hierbei habe ich begonnen, zwischen Utopien und Dystopien nach einer Realität zu suchen, die in Zwischenräumen verschwindet und das Digitale mit dem Analogen längst verwebt. Ich habe versucht, unsere Gestaltungsmöglichkeiten zu sehen und immer wieder die Frage nach dem Menschen und nach seiner digitalen Ermächtigung gestellt. Zudem ging es um eine (selbst-) kritische Reflexion über die Potenziale und Grenzen der Darstellenden Künste, die in diesem Sinne als Ort der Orientierung, Identifikation und Ressourcen geschätzt und zeitgleich als stetig im Wandel begriffen werden.

Die Ergebnisse meiner vier Forschungsschwerpunkte können hier nur angerissen werden. Ich fange mit dem 4. Punkt an, den am ausführlichsten darstellen möchte:

  1. Relevanz und Möglichkeiten des analogen Theater in einer digitalisierten Welt:

Als ich das Rechercheprojekt INBETWEEN geplant habe, war ich mir bewusst, dass das Thema komplex und mein Ansatz weit ist. Dennoch habe ich schon zu Beginn meiner Forschung gemerkt, dass das Thema noch breiter ist, als ich dachte, und sich nicht wirklich einfangen lässt.

Umso spannender war es, offene Gespräche zu führen, Bücher und Artikel zu lesen sowie Filme und Dokumentationen zu gucken und in praktische Umsetzungen zu gehen – und so viele Denk- und Blickrichtungen zu erleben. Zumal fast jede für sich schlüssig war und dennoch bei mir auf verschiedene Gefühle und unterschiedliche Zustimmungsgrade stieß.

Hierbei habe ich den Weg zum Ziel zu gemacht und Fragen gestellt, statt Antworten zu suchen. Somit habe ich begonnen, zwischen Utopien und Dystopien nach einer Realität zu suchen, die in Zwischenräumen verschwindet und das Digitale mit dem Analogen längst verwebt. Ich habe versucht, künstlerische Gestaltungsmöglichkeiten zu sehen und immer wieder die Frage nach dem Menschen und nach seiner digitalen Ermächtigung zu stellen.

Denn „die Digitalität“ und ihre Folgen für unsere Individuation sind so komplexe Themen, die Bewältigung eine so große Herausforderung, dass wir das auf der einen Seite gar nicht richtig greifen können und auf der anderen Seite aber eine große Verantwortung haben, hinzugucken und uns Fragen zu stellen. Hierbei ist es wichtig, jetzt Verantwortung zu übernehmen und Deutschland stellt die Weichen ist auf diesem Gebiet leider viel zu langsam. Das macht es schwer, in die Selbst-/ Wirksamkeit zu kommen. Daher brauchen wir dringend Handlungskompetenz und Selbstermächtigung im Kontext der Digitalität. Und um diese zu entwickeln, brauchen wir Bilder und Geschichten sowie unmittelbare Begegnungs- und kreative wie künstlerische Erfahrungsräume.

Die Darstellenden Künste können hierbei, so denke ich, eine wichtige Rolle übernehmen, wenn die Künstler:innen sich selbst bestimmte Fragen stellen. Und sie stehen zeitgleich vor einer besonderen Herausforderung, sind sie doch eine vergängliche, ephemere darstellende Kunstform, die analoge, also natürliche und unmittelbare Erfahrungen schafft, die für die Sinne des Menschen gemacht sind – und damit erst einmal nicht digital.

Fragen, die wir uns stellen können:

Was bedeutet für uns Menschen Digitalität? Und können wir noch bestimmen, wie viel Digitalität wir wollen oder ist uns die Entscheidung längst aus der Hand genommen? Können wir überhaupt noch das Digitale vom Analogen abgrenzen oder ist das mittlerweile untrennbar verwoben und damit eins? Wie verändert Digitalität unser Leben? Was ist mit der Natur? Und mit uns als Mensch? Worum geht es eigentlich im Kern und was macht uns als Menschen aus? Lassen wir uns digital einfangen? Können sich unsere Sinne wirklich digital entfalten, können unsere Emotionen digital verstanden werden? Lernen wir virtuell wirklich tiefer, wie es teils behauptet wird? Und wie viel wollen wir Menschen überhaupt von dem, was durch u. a. Künstliche Intelligenz (KI) möglich ist oder vielleicht möglich wird? Wo setzen wir Grenzen und wo sagen wir Nein? Und wie gestalten wir die Möglichkeit für ein würdevolles Leben in der Gesellschaft der Digitalität? Folgen wir den Expert:innen, die oft Utopien oder Distopien zeichnen? Oder verlassen wir uns auf unser Gefühl und/oder unseren Verstand? Oder folgen wir den Bites und Bytes? 11001001000110? …

Welche Beziehung haben wir als Künstler:in zum Thema Digitalität? Ist es für uns eine Erweiterung, die uns Möglichkeiten schafft? Oder ist es für uns ein Angstraum? Und wie ist das denn überhaupt, wenn wir in den digitalen Raum gehen? Was passiert dann mit uns und unserer Kunstform? Bilden wir uns dort in unserem analogen Dasein ab? Oder entwickeln wir etwas Neues, eine Form von digitalem Theater oder digitalen Darstellenden Künsten? Und ist das dann noch Theater oder ist es eben einfach etwas Neues? Werden wir hybride Formen schaffen, in denen die analoge und unmittelbare Theater-Begegnung eine parallele Erweiterung im digitalen Raum hat? Was passiert, wenn wir zum Beispiel live spielen und streamen und nach dem letzten Applaus bis zum nächsten live-Auftritt nicht mehr digital greifbar und somit auch hier ephemere sind? Ist das dann das gleiche Erleben wie im analogen Raum? Oder macht es eben doch einen zentralen Unterschied, wenn wir von unserer Präsenz und Körperlichkeit her, letztlich doch nicht an einem Ort sind?

Welches Bild haben wir als Theatermachende im Kontext von Digitalität von unserem Publikum? Wie wollen wir den Menschen begegnen, die zu uns ins Theater kommen? Und wie wollen wir die adressieren, die wir bisher nicht erreichen? Sehen wir uns als Expert:innen für analoge Welten oder treten wir auch zum Thema der Digitalität in Beziehung zu unserem Publikum?

Antworten darauf sind meiner Meinung nach nur zu finden, wenn wir uns transdisziplinär vernetzen und möglichst viele Disziplinen, Perspektiven und Erfahrungen einbeziehen. Wenn wir die Darstellenden Künste hier positionieren, können sie eine wichtige gesellschaftliche Rolle übernehmen und die systemische Relevanz erreichen, von der wir – so scheint es mir – gerade nur träumen. Dann können wir Künstler:innen einen Anteil an den folgenden gesellschaftlichen – und künstlerischen – Aufgaben haben.

  1. Die Individuationsprozesse in einer Welt der Digitalität sind vielschichtig und die von uns erstellten Bilder unseres Selbst stärker aufgefächert denn je. Die Frage, wie wir der Menschen werden, der/ die wir sein wollen, gewinnt daher noch an Bedeutung. Und die Herausforderung die vielen Aspekte unseres Selbst in zu Einklang bringen und uns positiv weiterentwickeln können, wird immer komplexer. Gerade deshalb brauchen wir Bilder und Geschichten, die uns eine Orientierung geben und zeitgleich offen sind. Hier können die Darstellenden Künste eine wichtige Rolle übernehmen.

  2. Gamingprozesse sind in Hinblick auf das Selbst, die Interaktion und die veränderten Fähigkeiten schwer zu fassen. Denn die Auswirkungen auf unsere Persönlichkeit und Individuation sind gleichermaßen vielschichtig und schwer zu greifen. Zudem gibt es noch nicht genug Daten, um zwischen Korrelation und Kausalität unterscheiden zu können. Hier besteht also noch ein großer Forschungsbedarf, der auch über Künstler:innen umgesetzt werden kann.

  3. Die Selbstbegegnung im Avatar ist eine spannende menschliche und künstlerische Herausforderung, schaffen wir uns doch im digitalen Raum Identitäten, die immer auch eine Selbstbegegnung im Avatar bedeuten. Derzeit ist uns das wenig bewusst und wir sind oft Manipulationen ausgesetzt oder manipulieren uns selber. Wir brauchen somit eine Selbstbegegnungs-Kompetenz im Kontext der Digitalität um selbst-bewusst und selbstwirksam unser Selbstsein gestalten zu können. Theater kann diese Selbstbegegnungs-Kompetenz unterstützen, in dem es Geschichten und künstlerische Erfahrungsräume einer dem Menschen dienenden Kultur der Digitalität schafft.

Als Künstlerin und Theaterleiterin wie auch als Trainerin und Dozentin habe ich mich über diese zwei Monate hinaus mit den Fragestellungen beschäftigt. Hierbei bin ich, sind wir auch die Umsetzung gegangen. So habe ich ein WebSeminar zum Thema Bewegung, Körper und Präsenz im digitalen Raum konzipiert und gegeben. Die Erfahrung war, dass erstaunlich viel in den digitalen Raum übertragen werden kann, auch Unmittelbarkeit, Nähe und gemeinsames Erleben und dass zeitgleich eine wirkliche Fühlung füreinander und eine sinnesbestimmte gegenseitige Wahrnehmung kaum zu erreichen ist. Zum anderen haben wir, das KKT Kölner Künstler:innen Theater, kleine Streams zwischen Theater und Film gepostet. Hiermit konnten wir eine große Reichweite erzielen und mit einem sogar erweiterten Publikum im Kontakt sein. Dennoch fehlte auch hier das gemeinsame sinnliche und körperliche Erleben an einem gemeinsamen Ort. Zudem fehlet das Miteinander des Publikums untereinander. Drittens haben wir über das Netzwerk Dialog & Demokratie unser Gesprächsformat #Respectspeech 3.0 in den digitalen Raum übertragen. Hier stellen wir fest, dass wir überregionaler sind und intensive Gespräche und einen produktiven und intensiven Austausch erzielen können, dass aber auf der anderen Seite das Meinungsspektrum enger ist als im analogen Raum.

Quellen (interdisziplinäre Gesprächpartner:innen, Sachliteratur, Romane, Filme, Dokumentationen, Online-Spiele) auf Anfrage